Wie Weihnachten Daheim

Bakowa schreibt seine Geschichte fort

 

"Man muss die Feste feiern, wie sie fallen" heisst es im Volksmund. Das hat sich so mancher Banater Schwabe nach den glanzvollen Heimattagen am Pfingstwochenende (14./15. Mai) in Ulm auch gedacht und zum nächsten Fest auf den Weg gemacht. Die Feste feiern, wie sie fallen - wer sich auf diese hohe Kunst versteht, der wollte sich das darauf folgende Wochenende (21./22. Mai) mit Kirchweihfest in Bakowa selbstverständlich nicht entgehen lassen.

"Glocken der Heimat, wie klingt ihr so traut - bald fröhlich, bald traurig, wie süßer Mutterlaut" - wie oft schon wurde fern von Daheim dieses Lied gesungen mit der tiefen Sehnsucht im Herzen, diesem Glockenklang auch wirklich wieder lauschen zu können!

"War im Dorf ein Fest voll Klang, sang vom Turm die Freude mit

und die Glocken tönten laut, wenn die Heimat litt ..."

Ein hörendes Herz konnte das nur zu gut nachempfinden, als das Läuten der Kirchenglocken am Samstag Vormittag zu ungewohnter Stunde die Menschen in die Kirche einlud zum Totengedenken für alle Verstorbenen von Bakowa. Damit waren die Festlichkeiten eröffnet, wie Ernst Bayerle, der Vorstandsvorsitzende der HOG Bakowa, in seiner Ansprache bekundete und die weitere Abfolge des Festprogramms bekannt gab.

Anschließend wurde bei der Kranzniederlegung am Kriegerdenkmal im Park der Opfer des I. Weltkrieges gedacht, zum Abschluss mit den Worten:

Die Namen hier sind eingeschrieben als letzter Gruß vom Heimatort;

vergessen seid ihr nicht, ihr Lieben, dies Denkmal gilt als Mahnung fort.

Nachdem das Lied "Mein Elternhaus" mit entsprechend angepasstem Text gesungen ward, setzte sich der lange Festzug - Trachtenträger, Besucher sowie ehemalige und jetzige Bewohner von Bakowa - Richtung Friedhof in Bewegung. Begleitet vom feierlichen Totenmarsch der Freiburger Eisenbahner Musikanten, konnte jeder für sich in Gedanken einzelnen Liedzeilen nachhängen, Erinnerungen aufleben lassen und zugleich bewusst im Bakowa von heute ankommen:

Am Bahnhof, da steig' ich aus und geh den Weg ins Dorf hinaus.

Traut und auch fremd sieht alles aus, da steht mein Elternhaus.

Ich ging einst fort vor vielen Jahren und fing ein neues Leben an.

Mein Elternhaus, ich komme wieder, weil ich dich niemals vergessen kann.

 

... Schnell ziehn vorbei die schönen Stunden des Wiedersehns im Heimatort;

mein Bakowa - doch tief im Herzen lebt die Erinn'rung für immer fort.

Angekommen im Friedhof an der Gedenkstätte für die Opfer des II. Weltkrieges und der Russland-Deportation, ließ Pater Ignatz Fischer durch seine bewegende Ansprache die Geschichte von der Entstehung des Dorfes Bakowa und die Geschicke seiner Bewohner bis in die Gegenwart wie im Zeitraffer vor dem geistigen Auge erstehen.

Die Einladung seitens der HOG Vorstandschaft zum gemeinsamen Imbiss im Pater-Berno-Haus bot Gelegenheit, erneut Gemeinschaft zu stiften unter den vielen Bakowaern, deren Wege sich unweigerlich durch die Aussiedlung nach Deutschland getrennt hatten. Mit der Sonne um die Wette strahlte dabei die Wiedersehensfreude aus den Augen der ehemaligen Landsleute. Auch gab es die eine oder andere Freudenträne, in der sich kurz ein Regenbogen spiegelte, ehe sie verstohlen aus dem Augenwinkel gewischt wurde. Und viel zu schnell verflog die Zeit bis zum traditionellen Aufstellen des "Kerweihboms", das in Bakowa seit jeher den Auftakt zum Kirchweihfest gab. Wenn seinerzeit am Samstag vor dem Kirchweihfest die Musik einschlug und die "Kerweihbuwe" begleitete, die den "Mojebom" (Maibaum) vom Haus des Vortänzers zum Aufstellen in den Dorfpark trugen, war es das allgemeine Zeichen für jedes Haus, die Vorbereitungen für die Festtage abzuschliessen und der Freude und Gastfreundschaft Tor und Tür zu öffnen. Wann hatte Bakowa das zum letzten Mal so erlebt? Nur schwer zu beschreiben, welche Gefühle sich da Bahn brachen im Herzen all derer, die sich noch aus Kindertagen an die anbrechende Festtagsstimmung  am Kerweih-Samstag erinnern konnten. Was machte es da schon aus, dass nicht jeder Hausgiebel und Brückenkopf frisch gestrichen war wie seinerzeit? Dennoch hatten das Dorf und seine jetzigen Bewohner ihr Festgewand angelegt. Was jedoch viel mehr zählte als diese Äusserlichkeiten, war das Gefühl, als Heimkommende gern gesehen zu sein und zu merken, dass der Funke der eigenen Freude übergesprungen war und bei den Einwohnern nicht nur begeistertes Mitfeiern entfacht, sondern auch zum Anlegen der Bakowaer Tracht angeregt hatte. Doch nicht nur für sie war es eine neue Erfahrung, wie Tradition und Brauchtum zelebriert wurden, sondern auch für viele der jungen Burschen und Mädchen. Sie waren zwar an Kirchweihfesten in der neuen Heimat schon öfter mal in Tracht beim Feiern dabei, hatten aber keine Ahnung von der Vorfreude am Kerweihsamstag beim Vorbereiten des Festes. Es war so bewegend, zu sehen, wie diese Jugendlichen beim Wegtragen des "Mojeboms" vom Pater-Berno-Haus mit jedem Schritt erkennbar fester in die Fußstapfen der Tradition ihrer Ahnen traten und sich daran auch erfreuten, allen voran der stolze Vortänzer Lars Wild. Stunden zuvor hatten sich viele erst persönlich kennengelernt, doch das Wissen um ein gemeinsam angestrebtes Ziel hat ganz schnell Gemeinschaft gestiftet. Nach eifriger Zusammenarbeit unter Anleitung der Väter war es dann soweit: der "Mojebom" mit einer Weinflasche als Zeichen der Freude in seiner geschmückten Krone war aufgestellt. Vortänzerin Elisa Schöffler befestigte an der Schnurvorrichtung Hut und Tuch zur Verlosung am Kirchweihfest und zog es bis unter die Krone hoch. Die Blaskappelle spielte einen Tusch, so dass es weithin auch für die Nichtanwesenden als Erkennungszeichen zu hören war: der "Mojebom" steht, die Kerweih kann beginnen. Das erste "Kerweihstickl" wurde nur für die "Kerweihbuwe" gespielt, die durch das Springen im Kreis um den "Mojebom" ihrer Freude Ausdruck verliehen. Während anschließend die Tanzlustigen zu den Klängen der Blasmusik schon mal das Tanzbein schwingen konnten, waren die Sportsfreunde schon beim Einwärmen, um sich beim Bock-Werfen und Kegeln zu messen.

Getreu dem Motto "Essen und Trinken hält Leib und Seele zusammen", ließ man dann bei dem von Herbert Grün organisierten Grillen im Hof des Pater-Berno-Hauses und gemütlichem Beisammensein bei frisch Gezapftem den Tag ausklingen. Während der von Deutschland mitgebrachte Rosmarin zum großen Kerweihstrauss gebunden wurde, machten schon die ersten Kommentare zu den im Internet bereits veröffentlichten Fotos und Videos vom Kerweih-Samstag die Runde. Geteilte Freude ist eben doppelt Freude. Allerdings war auch ein Wermutstropfen dabei: der Gedanke an all jene, die doch so gern in Bakowa dabei gewesen wären, es jedoch aus unterschiedlichen Gründen unterlassen mussten.

 

Als am Sonntag Vormittag Marschmusik und das Läuten der Kirchenglocken ertönte, trug an der Spitze des Kirchweihzuges das stolze Vortänzerpaar Elisa Schöffler und Lars Wild den geschmückten Rosmarinstrauss vom Pater-Berno-Haus zur Kirche. Dort zelebrierten Pfarrer Eugen Vodila und Ignatz Fischer den Festgottesdienst, musikalisch mitgestaltet vom ehemaligen Bakowaer Kirchenchor unter Leitung von Käthe Schlapansky und unterstützt von der Singgruppe "Sunnereen" sowie den Freiburger Eisenbahner Musikanten unter Leitung von Josef Zippel. Und wie vor 30 Jahren bei der 200-Jahr-Feier anlässlich der Ortsgründung von Bakowa, hatten die stolzen Kirchweihtrachtenträger kaum Platz im Mittelgang der Kirche, obwohl die Kinder in Tracht im Altarraum und die Trachtenträger im "Sonntagsgewand" im Seitenschiff der Kirche Platz genommen hatten. Ob das am 16. Mai 1825 am ersten Kirchweihfest auch so war, ist in der Dorfchronik von Bakowa nicht überliefert, doch sicherlich war es ein Hochfest, das unter die Haut ging - damals wie heute. Und welch eine Augenweide, als nach dem Gottesdienst vor der Kirche die Aufstellung zum traditionellen Gruppenfoto erfolgte! Im Treppenaufgang zum Kirchenportal konnten nur die Trachtenträger im "Sonntagsgewand" und jene in der seidenen Kirchweih-Sonntagstracht Platz finden, während die Paare in der Kirchweih-Montagstracht (Rock aus weißer Spitze und grünes Kaschmirtuch) sich seitlich links vom Treppenaufgang und rechts davon jene in der Nachkirchweih-Sonntagstracht von Bakowa (handbestickter Rock aus Organza und rotes Kaschmirtuch) aufstellten. Und welch ergreifender Moment, als dort vor dem Gotteshaus das Lied gesungen wurde:

Nach meiner Heimat, da zieht's mich wieder, es ist die alte Heimat noch,

dieselbe Luft, dieselben frohen Lieder, und alles ist ein andres doch...

  Anschließend folgte der Tradition gemäß ein Umzug durchs Dorf. Dabei wurden seinerzeit die Obrigkeiten von Bakowa vom Vortänzerpaar persönlich eingeladen. Da das so nicht mehr möglich war, hat das zur Zeit noch in Bakowa lebende Ehepaar Helene und Karl Buchall die Trachtenträger zu sich eingeladen. Es war ein unbeschreibliches Hochgefühl, als bei strahlendem Sonnenschein und klangvoller Marschmusik die 38 Trachtenpaare durch das weit geöffnete Hoftor schritten, herzlich willkommengeheißen von den Gastgebern mit kühlem Wein und selbstgebackenem Kerweih-Kuchen! Nach einer kleinen musikalischen Einlage als Dankeschön, setzte sich der Trachtenzug in Bewegung durch die Gassen von Bakowa Richtung Altenheim. Dort erwartete Helmut Weinschrott, Leiter der Adam-Müller-Guttenbrunn-Stiftung im Banat, und sein Team die Festgesellschaft. Nach genüsslicher Labung mit kühlen Getränken und köstlichem Gebäck folgte eine kurze Tanzeinlage, an deren Anblick sich besonders die Bewohner des Altenheimes erfreuten. Anschließend strebte der Zug der Trachtenpaare wieder dem Pater-Berno-Haus zu. Und wie früher folgten viele Schaulustige dem Festzug, aus dessen Reihen es immer wieder ertönte: "Buwe, was ha'mr heint?" - "Kerweih!"

 

Nach dem gemeinsamen Mittagessen begleitete Marschmusik die Kirchweihpaare in den Park. Dort wurden sie von den Zuschauern schon erwartet, die, wie seinerzeit, auf Bänken im Schatten der Bäume rund um die Tanzfläche am Maibaum saßen, um den Kirchweihpaaren beim Tanz zuzusehen und ihre Trachten zu bewundern. Zu Walzerklängen erfolgte dann auch das Strauss-Austanzen nach Bakowaer Brauch und Sitte, wie es  der Vortänzer in seinem Begrüßungsspruch angekündigt hatte:

Der Vortänzerin übergeb' ich nun den Strauß,

in der Trachtenpaare Mitte tanzt sie ihn aus,

und jeder, der ein Sträußchen zur Erinnerung begehrt,

kann tanzen mit ihr, und was ihm das Sträußchen dann wert,

lege er in diesen Kirchweihhut für die HOG-Vorstandskasse,

damit sich auch künftig ein Treffen wie dieses veranstalten lasse.

Während dieser Zeit überwachte in einer Ecke des Parks der noch in Bakowa wohnende Josef Vidov den Wettkampf bei dem für Bakowa typischen "Bock-Werfen" an Kerweih, auf dessen Sieger ein stattlicher Schafbock als Gewinn wartete. Die Kegel-Freunde konnten dieses Mal zwar nicht in der Kegelbahn, dafür aber im Schatten der Bäume ihrem Hobby frönen, das durch das "Kugel-Schwingen" auf eine etwas abgewandelte Art und Weise von Herbert Zirk organisiert wurde. Nach dem Strauss-Austanzen gab es auf Initiative von Harald Schlapansky noch eine kurze Sondereinlage im Festablauf. Da viele der Trachtenträger in Tanzgruppen der DBJT in Deutschland aktiv sind, konnten sie die Zuschauer mit einer Darbietung der Gemeinschaftstänze, wie sie auch bei den Heimattagen in Ulm vorgeführt wurden, erfreuen und ernteten dafür begeisterten Applaus. Anschließend an die Verlosung von Hut und Tuch wurde der nach dem Austanzen verbliebene Rest des Rosmarinstrausses, der sogenannte "Storze", verlizitiert, den Raimund Klotzbier für Melinda Petla ersteigerte. Nach dem Ehrentanz für die glücklichen Gewinner folgte das  Heimspielen des "Storze", den Melinda nach Hause trug, begleitet von den Kerweihpaaren zu flotter Marschmusik. Im Anschluss daran machte sich die lustige Festgesellschaft abermals auf den Weg zu Familie Buchall, wo der Schafbock hingespielt wurde, da sein Gewinner Hubert Grimm nicht mehr in Bakowa wohnt.

Am Abend spielten die "Freiburger Eisenbahner Musikanten" im Kulturheim abermals so schön zum Tanz auf, so dass die Hochstimmung des Tages andauerte bis in die frühen Morgenstunden, als das Fest seinen Ausklang finden mußte.

Gedankt sei auf diesem Wege allen Organisatoren und Mitwirkenden, im Besonderen allen Trachtenträgern, die zum Gelingen der Festveranstaltung beigetragen haben, so dass dieses Kirchweihfest in unserem Heimatort Bakowa zu einem unvergesslichen Ereignis wurde - wie Weihnachten Daheim.

 

Hildegard Grimm

 

zurück zu Kerweih 2016 in Bakowa